Suchen Sie die Praxis von Dr. Büsser? Diese Frage müssen Sie im GZO Wetzikon gar nicht stellen. Lebensgrosse Eishockeypuppen in Eishockeymontur sowie Bilder, Sitzbänke und Eishockey-Outfits machen diesen Ort unverkennbar. Im Interview mit Dr. Gery Büsser, Kunde von Cosanum, erfahren wir mehr über seine spannende Tätigkeit als Teamarzt bei der Lions Organisation.
Im Gespräch

Dr. Gery Büsser, Leitender Sportmediziner, GZO Wetzikon und Teamarzt der Lions-Organisation
Das GZO Wetzikon, Gesundheitsversorgung Zürcher Oberland, bietet mit über 200 Betten eine rundum medizinische Grundversorgung für die Region an. Medizinische Spezialitäten runden das Dienstleistungs-Portfolio des Spitals ab.
Welche Leistungen erbringen Sie im Rahmen des GZOsports und bei der Funktion als Teamarzt?
Eine fachmedizinische Spezialität darf ich als Sportmediziner anbieten. Die Sportmedizin stellt in der modernen Medizin eine weit fächerübergreifende Disziplin dar. Hier setzen wir den Schwerpunkt auf diagnostische und therapeutische Kompetenz. Auch der gesundheitspräventive Aspekt zum Leistungsauftrag von GZOsports darf nicht fehlen. Im Jahre 2003 haben wir als erste öffentliche Institution von Swiss Olympic das Qualitätslabel „Swiss Sports Medical Base“ erhalten. In der Zwischenzeit gibt es 22 verschiedene Standorte schweizweit. Ein „Swiss Olympic Medical Center“ hingegen leistet mehr wissenschaftliche Arbeit. Wir sind da eher Praxisbezogen. Als Grosskunden betreuen wir unter anderem die Lions-Eishockey-Organisation aus Zürich. Die Organisation umfasst die Profimannschaft der ZSC Lions, sowie die Halbprofimannschaft der GCK Lions, aber auch die gesamten Juniorenbetriebe. Also von der Elite-Mannschaft bis in die unterste Hierarchiestufe sind es ca. 1000 Athleten, die eine mehr oder weniger regelmässige sportmedizinische Betreuung benötigen und in Anspruch nehmen.
Was ist eigentlich eine„Regular Season“?
Die Eishockeymeisterschaft ist in 2 Phasen aufgeteilt. In einer ersten Phase (Regular Season) werden in einem Meisterschaftsmodus die besten 8 Teams von den 12 teilnehmenden Mannschaften ausgespielt (50 Spiele). Diese 8 Teams nehmen dann an den Playoffs zur Ermittlung des Schweizermeisters teil, die letzten 4 Mannschaften an den Playouts gegen den Abstieg aus der Liga. Und jetzt scheint es kompliziert zu werden: In den Playoffs spielt das erste Team gegen das achte Team und das zweite Team spielt gegen das siebte Team usw . „Best of seven“ heisst – wer vier Mal gewinnt kommt eine Runde weiter nämlich ins Halbfinale und anschliessend ins Finale und hat dann die Chance Schweizermeister zu werden.
Logisch, alle wollen in die Playoffs. Die ersten vier aus der „Regular Season“ haben dabei immer Heimrecht beim ersten Match. Vier Mal gewinnen heisst, es kann nur maximal 7 Spiele geben und das 7. Spiel wäre dann bei der jeweiligen Mannschaft zu Hause. Unter Umständen kann ein Heimspiel ein grosser Vorteil für die Mannschaft sein. Die Playoffs sind das Dessert der Meisterschaft, es geht um alles und die Spieler entsprechend zur Sache. Es sollen die Früchte für die knapp einjährige harte Trainingsarbeit geerntet werden.
Wie lange sind Sie schon Teamarzt der Lions und wie kam es dazu?
Das verrät mein Alter ja nicht! Seit dem 1. Januar 1996 bin ich nun in dieser Funktion als Teamarzt der Lions-Organisation tätig – seit über 14 Jahren (grosses Staunen wie schnell die Zeit vergeht). Zu jener Zeit habe ich bei Dr. Bühlmann in der Praxis gearbeitet. Seine langjährige Zusammenarbeit mit den verschiedenen Fussballclubs wie GC, FCZ und vielen mehr, sowie die zahlreichen Patienten aus der Sportlandschaft, die er betreute, haben mich zu dieser heutigen Tätigkeit geführt. So bekam Dr. Bühlmann eines Tages die Anfrage des ZSC, welcher eine Änderung und Professionalisierung in seinem Medical-Team vornehmen wollten. Aus Zeitgründen konnte Dr. Bühlmann diese Aufgabe nicht wahrnehmen und empfahl mich für diese Aufgabe. Zu dieser Zeit war ich aktiver Handballspieler, junger Familienvater und hatte mit Eishockey nicht viel am Hut – die Begeisterung für die Idee vom Chef hielt sich in Grenzen. Mit viel Überredungskunst besuchte ich im Dezember 1995 einen ZSC Lions Match im Hallenstadion und es war, wohl nicht ganz zufällig das Derby gegen Kloten. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern – es war die Hölle los im Stadion. So was hatte ich bis anhin noch nie erlebt. Eigentlich ist es mit Worten kaum zu beschreiben wie es in der Halle brodelte. Ich bekomme noch heute „Gänsehaut“, wenn ich an diesen Abend zurück denke. Das war Action pur. Das Medical-Team war permanent am Nähen, Flicken und „Reparieren“. Spieler und Staff als Team zu erleben, wie alle sich dem Mannschaftserfolg unterordneten und jeder dafür seine Leistung erbrachte, war schon sehr imponierend. Ich kann heute sagen, dass die Hockeyspieler einfach gute Typen sind, die ehrlich, hart, dankbar und wertschätzend sind. Sie sind ausserdem gute Zuhörer und vor allem sind sie überdurchschnittlich motivierte Sportler. Der Abend war genial und ich hatte mir das Eishockeyvirus definitiv eingefangen.
Haben Sie die Spezialität Sportmedizin ins GZO gebracht?
Ich habe schon früher regelmässig im GZO gearbeitet. Im Jahre 1993 habe ich im GZO diese Sportmedizinsprechstunde eröffnet und sukzessiv erweitert. Ich bin heute zu 80 % vom GZO angestellt und rund 20 % für die Lions-Organisation tätig. Die gesamte Leistungsdiagnostik sowie die Betreuung ausserhalb der Spiele finden hier im GZO statt.
Wo liegt die eigentliche Herausforderung als Team-Arzt?
Viele haben das Gefühl, dass die meiste Arbeit des Medical Teams sich auf den Match konzentriert. Aber dies ist nicht so, ganz im Gegenteil. Der Match ist ähnlich wie die Playoffs für die Spieler wohl mehr die Belohnung für was man während der Woche gearbeitet und beeinflusst hat. Natürlich gibt es während dem Spiel oft kleinere Verletzungen, welche vor Ort verarztet werden müssen. Aber die ganzen Therapien, Rehabilitationen finden dann nach dem Match in der darauf folgenden Woche statt, stark involviert sind natürlich auch die Betreuer und Physiotherapeuten. Auch die Leistungsabklärungen und Trainingsaufbauplanungen sind Themen, die periodisch stattfinden, analysiert und angepasst werden müssen. Als Spotmediziner interessieren mich natürlich die Leistungsabklärungen und die Trainingsaufbauplanungen fast mehr, als während dem Match jemanden zu nähen oder eine Zahnverletzung zu behandeln. Dafür wird man nicht Teamarzt. Das Wort Teamarzt verrät es schon, irgendwann ist man im Team integriert, ist Hausarzt und Vertrauensperson. Es gibt den so genannten Platzarzt, welcher reglementarisch vorgeschrieben ist. Er ist meist mit einem Rettungssanitäterteam während eines Spieles vor Ort und ist bei medizinischen Zwischenfällen auf Spieler und Zuschauerseite zur Stelle. Oft übernimmt in einem kleineren Stadion der Teamarzt auch die Aufgabe des Platzarztes, im Hallenstadion Zürich ist dies aber getrennt.
Reisst sich ein Spieler das Innenband am Knie, ist es meine Aufgabe ihn so schnell wie möglich wieder fit aufs Eis zu bringen und hier liegt die Challenge.
Der Clubarzt bekleidet die nächst höhere medizinische Instanz. Er definiert so genannte Clubstrategien. D.h. wenn zum Beispiel immer wieder festgestellt wird, dass Adduktorenbeschwerden in der Mannschaft auftreten, dann werden diese interdisziplinär mit den Physiotherapeuten und dem Trainer analysiert und hinterfragt. Machen wir evtl. trainingstechnische Fehler? Schauen wir beim Training zu wenig auf den Rücken? So analysiert, in einfachen Worten, der Clubarzt die Gegebenheiten und ändert beispielsweise die Trainingsstrategie. Dies ermöglicht die Veränderung im Team zu beobachten und ist für einen Mediziner eine unheimlich spannende Tätigkeit. Ein Projekt, welches wir seit einigen Jahren verfolgen, sind die Hirnerschütterung, deren Management und Sensibilisierung innerhalb der Sportwelt. Hier stehe ich in einer Taskforce der Medizinischen Kommission vom schweizerischen Eishockeyverband vor. Unsere Aufgabe ist es das Thema sportgerecht aufzuarbeiten, zu sensibilisieren und korrekte Therapie- und Präventionskonzepte zu erarbeiten und einzuführen. Mit meinen Verbandsarzt- und Mannschaftsarztkollegen arbeiten wir hier an einem grossen und gemeinschaftlichen Konzept.
„Lionsheart“ ist ein weiteres sportmediznisch-kardiologisches Projekt, welches wir in der Lionsorganisation seit zwei Jahren verfolgen. Dabei werden zur Prävention eines plötzlichen Herztodes in den leistungsorientierten und entsprechend viel trainierenden Mannschaft das Herz jährlich mittels Befragung, Auskultation und Ruhe-EKG gescreent und bei Bedarf auch weiter abgeklärt.
Was hat Sie 1995 beim ersten Match so gepackt?
Die unglaubliche Atmosphäre hat mich umgehauen. Was die Jungs noch dazu auf dem Eis bieten ist Tempo, Körperspiel, Disziplin und viel spielerisches Talent. Hockey ist nicht ein wildes Herum- und Nachfahren hinter der Hartgummischeibe, es besteht eine ganz klare Spiel- und Verhaltensstrategie, jeder Spieler, jede Linie hat ihre definierte Aufgabe. Nur schon kleinere Abweichungen können das gesamte Spiel negativ beeinflussen. Das habe ich aber erst mit der Zeit verstanden und in Erfahrung gebracht. Versteht man dieses Spiel nicht, sieht man auch den Puck nicht und man hat die ganze Zeit das Gefühl sie verprügeln sich primär mal auf dem Eis. Es steckt aber unheimlich viel mehr dahinter: Willensstärke, Körperbeherrschung, Kraft, Disziplin, Dynamik und die Passion als Team etwas zu erreichen.
Sind Sie ein Fan dieser Eishockey Mannschaft?
Eigentlich möchte ich Team-Member sein, denn der Erfolg der Mannschaft bedarf heutzutage immer auch einer gesamtheitlich funktionierenden Mannschaft und des begleitenden Staffs. Hier sehe ich viele Analogien zur Medizin wie auch zum Leben. Wenn sich alle einer hochgesteckten Aufgabe oder einem Ziel zum Erfolg und Wohle des Teams unterordnen und jeder mit voller Kraft und ohne Eigennutzen seinen Anteil beiträgt wird der Erfolg möglich und das Team kann weiter wachsen. Es ist für mich das Schönste, dies zu erleben, sei es privat, im Beruf oder im Sport. Natürlich bin ich ein Lions-Fan. Und ein GZO-Fan. Und ein Fan meiner Familie.
Wo liegen Ihre Grenzen zwischen „Fan“ und Teamarzt Dasein?
Ich würde es mal so sagen, um Teamarzt oder überhaupt Sportarzt zu sein, muss man den Sport und den Sportler in seinem Gedankengut verstehen und nachvollziehen können. Als Teamarzt muss ich mir meiner Position ganz klar bewusst sein. Der Patient und seine Genesung stehen im Vordergrund, weder das Spiel noch die Mannschaft. Ich habe meine definierte Aufgabe wie der Trainer, das Management, der Verteidiger und der Torhüter auch. Ich bin dabei in einer Arzt-Patienten Beziehung und muss die Spieler auch so betreuen und medizinisch behandeln. Auch wenn ein wichtiger Puzzlestein durch den möglichen Ausfall des einen oder anderen Spielers im Team fehlt, ist in dieser Situation allein das medizinische Wohlergehen des Betroffenen relevant. Dies ist mein Job und ich bin dafür angestellt dies konsequent anzuwenden. Ich darf hierbei keine „Fangefühle“ haben, sonst bin ich in meiner Funktion für die Athleten nicht vertrauenswürdig. Ein spezieller Umstand im Teamsport und trotzdem funktioniert es tiptop.
Für eine medizinisch perfekte Betreuung benötigen wir auch ein ausgezeichnetes Netzwerk an Spezialisten. Unser Medical Team bestehend aus Masseur, Physiotherapeut und meiner Person pflegen den täglichen Kontakt mit dem Team. Im Hintergrund wartet aber ein Netzwerk, die Medical Team Members, welche fachspezifisch schnell und unkompliziert zu Rate stehen. Vom Kniechirurgen bis zum Dermatologen haben wir uns über die Jahre ein Netzwerk an Spezialisten aufgebaut, welche enthusiastisch ihren Teil zum Erfolg beitragen.
Stimmt es, dass der Bart bis zum Endspiel nicht entfernt werden darf?
Im Hockey ist es ein Brauch, dass sich die Spieler und Teammitglieder während den Playoffs nicht rasieren, die Hormone „schiessen“ und man(n) lässt den Bart wachsen. Das hat sich über die Jahre so etabliert- warum weiss wohl niemand so recht. Es sind eben Playoffs und es gilt der Spruch: „it is what it is“. Und weil man ein Team ist macht man da mit – ich hatte auch schon den Bart wachsen lassen – mit einigem Erklärungsbedarf im Spital... Auch wenn sich mittlerweile immer mehr weisse Haare in meinen Bart einschmuggeln, „it is what it is – Playoffs“. Und direkt nach dem letzten Spiel, mit der Beendigung der Meisterschaft, trennt man sich vom Bart.
So lebe ich diese Aufgabe, die mir sehr viel Spass macht. Wir sind ein gut funktionierendes Medical Team, dank den modernen elektronischen Medien stehen wir tagtäglich im Kontakt, Trainer und Sportchef sind laufend über die medizinische Situation informiert. Kommunikation ist gross geschrieben und ein wesentlicher Bestandteil in unserer Betreuungsstrategie mit dem Ziel als Team zu wachsen.
Eine Sportmedizinische Betreuung beginnt nicht beim Innenband des Knies, sondern beim Sportler, also beim Menschen.
Quelle: Vincenzo Aricò im Gespräch mit Dr. Gery Büsser, Leitender Sportmediziner, GZO Wetzikon und Teamarzt der Lions-Organisation



Kommentar hinzufügen